Stand 22.10.08/24.10.08
Durch Bildungsgipfel zur Bildungsrepublik?

Unwahrscheinlich!

Vorbemerkung

Wäre die Schuhindustrie so organisiert wie Schule und Unterrricht, dann 

  • müßte jede Arbeitskraft für jeden Schuh einen eigenen Leisten herstellen, 
  • Schuhe wären für den normalen Kunden unbezahlbar und 
  • die Chance, ein Paar passender Schuhe zu finden, läge unter einem Prozent.


Fakten

Die herkömmliche Lernorganisation wird nicht hinterfragt 

Schulverwaltung, Medien und die Öffentlichkeit gehen davon aus, dass das Lernen in klassischen Schulen in Jahrgangsklassen erfolgt. Diskutiert wird nur, ob das Schulsystem eingliedrig, zweigliedrig, dreigliedrig oder viergliedrig  sein soll.

Die Lernenden werden in Schulklassen von 15 bis 50 Schüler aufgeteilt. 

Der einzelne Lerner hat keine freie Wahl der Klasse. Die Lehrkräfte arbeiten in handwerklicher Einzelarbeit; sie haben ein fast uneingeschränktes Lehr- und Bewertungsmonopol und sie dürfen allein, fast ohne Fremdkontrolle, Berechtigungen zuteilen oder verweigern.

Die Schulverwaltung legt obrigkeitsstaatlich Mindestlernzeiten fest (265 Jahresunterrichtsstunden für die allgemeine Hochschulreife), versäumt jedoch die Formulierung öffentlicher, überprüfbarer Lernziele

1. Vergleich: Früher waren 140 Arbeitsstunden nötig, um eine Tonne Weizen zu ernten, heute genügen 60 Sekunden; die Qualität des Weizens ist besser geworden. 
2. Vergleich: Für die Fahrt mit dem ICE von München nach Hamburg würde eine Mindestfahrzeit von 265 Stunden verlangt; dann schrumpft der Erfolg der vergangenen 200 Jahre auf die bisherigen Erfolge im Bildungswesen! 

Die Schulverwaltung schreibt dagegen die  Organisationsformen des 19. Jahrhunderts fort. 

Die Lernenden sind zum großen Teil unterfordert

Fatalistisch ergeben sie sich in das Schicksal, dass sie sich mit ihren Lehrkräften arrangieren müssen. Manchmal ist das gut, häufig wird jedoch die Unterrichtszeit nicht effektiv genutzt. Die Lernenden nützen ihre freie Kapazitäten aus, um Geld zu verdienen oder sich mit Computerspielen die Zeit zu vertreiben. 

Allein das Spiel 'World of Warcraft' verschlingt bei erfolgreichen Spielern wöchentlich 20 bis 50 Stunden; "Blizz" (Blizzard, der Macher von World of Warcraft) versteht es, die Motivation seiner Kunden zu erhalten, die Schule nicht. Mehr als 1 Milliarde Euro zahlen seine Kunden jährlich (rund 150 Euro pro Spiellizenz), damit sie spielen „dürfen“. Wie Schüler lernen dürfen, ist nicht so attraktiv. Zum Nachdenken: Die Zahl der Google-Fundstellen für 'Schule' und für 'World of Warcraft' liegen am Tag des Bildungsgipfels (22.10.08) mit 80 Millionen und 53 Millionen in der gleichen Größenordnung ('school' hat natürlich ein paar mehr).

Die Schule schafft es nicht, nachhaltig hinreichende Kompetenzen zu vermitteln

Die Universitäten müssen daher, vor allem im MINT-Bereich, in sogenannten 'Vorsemestern' eine rudimentäre Studierfähigkeit sicherstellen. Dabei geht es um Kenntnisse, die theoretisch schon ab Klasse 5 vermittelt werden sollten – und könnten.

Die heutigen Möglichkeiten der Informationsverarbeitung werden nicht genutzt
 
 

150 000 Euro würden genügen,

um eine Alternative zu starten. 

Die Alternative:

Überprüfbare Bildungsstandards im Internet

2002 sind unter dem Namen „Dortmunder Manifest“ Anforderungen an ein System überprüfbarer Bildungsstandards veröffentlicht worden. Ziel ist eine Datenbank, in der einschlägige Aufgaben mit freiem Zugang so gespeichert sind, dass die Bearbeitung unverzüglich nach transparenten und für alle Bearbeiter gleichen Maßstäben bewertet wird.

Die wichtigste Forderung

Lernleistungen, die im Internet erbracht werden, können zertifiziert werden. Sie werden dann den Lernleistungen gleichgestellt, die zum Thema in der Schule erbracht werden.

Die Hauptkritik – eine unbewiesene Illusion

Kritiker wenden ein, dass es grundsätzlich unmöglich sei, kompliziertere Lernleistungen vom Computer bewerten zu lassen. Diese Kritiker schießen die Augen davor, dass es sehr vielen Lehrkräften nicht gelingt, solche Lernleistungen nachvollziehbar zu bewerten. Der Computer ist in solchen Fällen weit überlegen - und vor allem ist die Computerrückmeldung gerechter.

Ein falscher Einwand: zu hohe Kosten

Der Einwand ist richtig, wenn man nur in klassischen Strukturen denkt. Zum Beispiel ist die Einrichtung eines Instituts zur Qualitätssicherung im Bildungswesen (IQB) aus solchem Denken hervorgegangen. Im Lauf mehrerer Jahre ist so etwa im Fach Mathematik eine Sammlung (hübscher) Aufgaben in Buchform entstanden. Solche Aufgaben findet man aber auch in jedem guten Schulbuch. Die Aufgaben sind deshalb viel zu teuer bezahlt.

Wenn man auf Web-2.0-Funktionalitäten setzt und alle, insbesondere Jugendliche, an der Entwicklung beteiligt, würde man zusätzlich einen hohen Motivationsgewinn für das Lernen von Stoffen aus dem Schulkanon verbuchen können. Wer glaubt, dass Jugendliche einer solchen Aufgabe nicht gewachsen sind, hat keine Erfahrung mit der aus Motivation gespeisten Leistungsfähigkeit von Jugendlichen.

Noch ein Einwand: Die Evaluation der Aufgaben

Auch die Evaluation kann man – demokratisch – überwiegend ins Internet verlegen. Dafür gibt es erfolgreiche und zugleich geeignete Modelle. In der didaktischen Wissenschaft werden häufig noch Evaluationen auf der Grundlage des Raschmodells eingesetzt. Dass dieses ungeeignet ist, zeigt die Tatsache, dass beispielsweise nach den Kriterien des Raschmodells in einer groß angelegten Untersuchung zum Mathematikunterricht die Frage nach 8*0 als ungeeignet aussortiert wurde.

Flexibität als unschlagbarer Vorteil von Wissensstandards im Internet

Statt zu allem, wie zum Beispiel für Wirtschaft, Gesundheit oder Glück, neue Schulfächer zu fordern, kann man zu jedem Thema mit geringem Aufwand Aufgabenmodule als überprüfbare Standards im Internet anbieten und zusätzlich ein solches Thema mit verschiedenen Methoden attraktiv machen.
 

Nähere Ausführungen zu den einzelnen Abschnitten finden Sie in der folgenden Verknüpfungsliste:

Anforderungen an ein System überprüfbarer Bildungsziele
http://www.bildungsoptionen.de/manifest.htm

Protokoll der 314. Sitzung der KMK (Sie müssen sich durchklicken, weil die Veröffentlichungen der KMK im Web nicht auf Zitierfähigkeit ausgelegt sind; Start z.B. bei Google unter 'kmk 314. Sitzung'. http://www.google.de)

Ein Kommentar zu der vielfachen Forderung nach neuen Schulfächern
http://www.bildungsstandards.de/08/allgemein/wirtschaft.htm
 

Rückblick am 24.10.08:

Der (erste?) Bildungsgipfel ist vorbei: Etwas Kosmetik für Ausgaben, die schon vorher beschlossen waren, die Forderung nach Halbierung der Zahlen für Schulabbrecher (ohne anzugeben, wie dieses Ziel erreicht werden soll), keine Nutzung der Möglichkeiten der modernen Informationsverarbeitung sondern stillschweigende Erhaltung der im 19. Jahrhundert entwickelten Organisationsmodelle. - Mehr Geld für Bildung, aber keine überzeugenden Vorschläge wofür.